Doppelkopf

„Hochzeit.“ Ich blicke auf. Davids dunkle Augen ruhen auf mir. „Du kommst raus, Iris. Am besten mit einem As, wenn du mit mir gehen willst.“ Er zwinkert mir zu.
„Das lässt sich machen.“ Ich spiele das Pik-As aus. Alle bedienen und ich bitte als nächstes mit meinem Herz-As um freundlichen Durchgang. „Leider ist mein Herz schon vergeben, aber so rette ich jetzt meinen Fuchs.“ David sticht mit dem Karo-As. „Das ist schon fast die halbe Miete. Wie sieht´s denn nun mit Kreuz aus? Das hat doch sicher ein jeder, auch wenn´s manchmal weh tut.“ Er grinst Falk, meinen Mann, an. So blödeln wir uns durch das Spiel. Am Ende haben wir haushoch gewonnen, zumal ich noch mit Karlchen, dem Kreuz Bube, den letzten Stich gemacht habe.
„Da hattet ihr eindeutig die besseren Karten. Nun lasst uns mal ein kleines Verschnaufpäuschen machen.“ Thea, Davids Frau, entschuldigt sich und geht von der Terrasse rasch ins Haus. Falk fingert gerade an seinem Handy, wahrscheinlich hört er die Mailbox ab.
„Dann schau´ ich mich ein wenig im Garten um.“
„Ja, aber verlauf dich nicht!“
„Dieses Jahr wohl noch nicht.“ Ich schmunzle und denke an die vielen Büsche, Bäume und Stauden, die wir gepflanzt haben. Die allerdings noch wachsen müssen, damit man sich auch nur ansatzweise zwischen ihnen verstecken oder verlaufen kann. Nur gut, dass wir die gleiche Meinung über Gärten haben. Wir, unsere Nachbarn David und Thea, und Falk und ich. Vor zwei Jahren haben wir dieses Doppelhaus gekauft, jedes Paar eine Hälfte, im hinteren Teil einer Eigentumswohnanlage, die an drei Seiten von Gärten umgeben ist. Wirkliche Gärten, die diesen Namen auch verdienen, mit altem Baumbestand, teilweise Nutzgärten, in denen Stangenbohnen und Kartoffeln wachsen oder Erdbeeren und Spalierobst. Aber auch Blumen, die man nur noch in sogenannten Bauerngärten findet. So ähnlich soll es bei uns einmal aussehen. Keine schnell wachsenden Nadelgehölze und pflegeleichte Rasenflächen. Hier sollen Kinder toben, auf Bäume klettern, Schätze vergraben und, wenn sie dabei hungrig werden, sich Beeren, Kirschen und Pflaumen in den Mund stopfen.
Vor ein paar Monaten habe ich die Pille abgesetzt. Jetzt können wir uns das erste Kind finanziell leisten, auch wenn ich aufhöre zu arbeiten. Leider hat es noch nicht geklappt. Versonnen betrachte ich die Heckenrosen. Dieses pudrige Rosa, so zart die Blüte. Im Herbst dann die orangeroten Hagebutten, mit denen Kinder so viel Unsinn treiben können.
Wir sollten nicht mehr so lange Karten spielen. Heute ist schon der zweite meiner fruchtbaren Tage. Diesen müssen Falk und ich endlich nutzen. Gestern ist er sehr spät nach Hause gekommen und wollte nur noch schlafen.
Zwei warme Hände umfassen von hinten meine Schultern.
„Na, träumst du wieder?“ Davids Mund an meinem Ohr. Etwas unangenehm berührt, drehe ich mich um.
„Nein, nein. Wollen wir weiter spielen?“
„Du hast gerade sehr zerbrechlich ausgesehen. Also bin ich zu dir geeilt, um dir Halt zu geben.“
„Lieb von dir. Aber es ist alles in Ordnung. Wo ist denn Falk?“
„Hab´ ihn die letzten paar Minuten nicht gesehen. Thea allerdings auch nicht.“
Wir schlendern zurück zur Terrasse.
„Ach, da seid ihr ja wieder.“
Thea sieht etwas erhitzt aus.
„Stellt euch vor, die Heizung ist ausgefallen. Einfach so. Da muss ich morgen sofort den Kundendienst anrufen.“
„Mach´ es doch gleich! Die haben bestimmt einen Notdienst.“
„Jetzt funktioniert sie doch wieder. Falk hat mir den roten Knopf gezeigt, den ich drücken muss.“
Ich schaue zu Falk. Er zeigt einen seltsamen Gesichtsausdruck. Einen Moment verliert sein Kinn die Form. Die Mundwinkel zittern. Kurz darauf ist wieder alles wie vorher. Es ist ihm immer unangenehm, wenn er gelobt wird.
„Ja, Falk kann so viel und weiß in jeder Situation Rat. Deshalb habe ich ihn ja auch geheiratet – unter anderem. Was er einmal alles seinen Kindern beibringen kann...“
„Na, wann ist es denn soweit?“
Thea schaut mich spöttisch an.
„Bald, denke ich, oder mein Falke?“
Falk gibt ein undefinierbares Brummen von sich und schlägt vor: „Lasst uns noch ein paar Runden spielen. Ich glaube, jetzt wendet sich das Blatt.“
Ungläubig registriere ich seine Antwort. „Mein Falke“ ist doch das Stichwort, dass ich gehen möchte. Warum ignoriert er es?
Später, als wir in unser Haus gehen, lege ich ihm die Hand auf den Po. „Wollen wir noch duschen?“
„Ach nein, das mache ich morgen früh. Es wird ein anstrengender Tag werden.“
Nun, dann dusche ich eben allein. Anschließend zerstäube ich ein wenig „Janus“ zwischen meinen Brüsten. Janus ist ein Parfum, das schon immer seine Wirkung gezeigt hat.
Als ich ins Schlafzimmer komme, liegt Falk auf der mir abgewandten Seite im Bett. Ich lege mich ganz dicht hinter ihn und streichle seinen Oberschenkel.
„Liebling, ...“
„Hm, ...“
„Bist du arg müde oder wollen wir ...“
„Lass mal gut sein! Morgen ist auch noch ein Tag. Ich muss jetzt schlafen. Gute Nacht!“
Ich bin ein wenig befremdet. Aber morgen ist Freitag. Dann liegt das Wochenende vor uns. Falk kann sich ausschlafen und wir haben alle Zeit der Welt, unser Kind zu zeugen. Vielleicht bei Kerzenlicht, mit leiser Musik und Sekt. Dieser Anlass verdient schließlich etwas Besonderes.
*
Bald wird die Sonne aufgehen. Ich trage ein kurzes weißes Hemd. Mir ist kühl. Ich lege mich auf das zarte Grün, das hier im Wald auf der Lichtung sprießt. Ich weiß es genau.

Heute ist der Tag.
Heute wird es sein.
Heute wird es geschehen.

Warme Hände berühren mich. Fingerspitzen gleiten über meine Haut. Streicheln mich. Überall. Verharren. Streichen zart über meinen Bauch. Halten ein.
Mein Verlangen ist geweckt. Ich will mehr. Recke mich den Händen entgegen. Sie fahren meine Schenkel hinab und wieder hinauf. Öffnen sie sanft. Greifen unter meinen Po. Heben ihn hoch.
Das Hemd zerfällt. Lust erfüllt mich. Mein Geheimes liegt nun frei, offen, entblößt. Da wird es vom ersten Sonnenstrahl berührt, geküsst, erhitzt. Jetzt dränge ich danach, erlöst zu werden. Spüre Lippen, die behutsam mein Intimstes umschließen, eine heiße Zunge, die sich kreisend bewegt.
Mein Fühlen wird stärker, meine Empfindungen intensiver. Ich schwebe in einer Luftblase allem Irdischen enthoben der Sonne entgegen und höre eine Stimme sagen:
„Das Kind der Sonne ist nun empfangen.“
Da schlagen die Wellen der Lust über mir zusammen. Die Hülle platzt.
*
Ich bin voller Freude, überglücklich, endlich schwanger zu sein. Will es Falk mitteilen, drehe mich zu ihm und realisiere langsam, dass ich in meinem Schlafzimmer und nicht im Wald bin. Doch das Glücksgefühl hält an und ich nehme den Traum als gutes Omen für das kommende Wochenende.
Ich beschließe, Falk nichts von diesem Traum zu erzählen und erwarte ihn am frühen Abend ganz in Schwarz. Minirock, ärmelloser Rolli, breiter Gürtel dazu und High Heels, gekauft für einen Abend wie diesen, der auch keine Unterwäsche verträgt.
Irritiert schaut er mich an, als er ins Wohnzimmer tritt.
„Habe ich eine Verabredung vergessen. Sind wir eingeladen?“ Sein Blick bleibt an meinem Pulli hängen, unter dem sich meine Brustspitzen deutlich abzeichnen.
„Nein, mein Schatz. Deine Verabredung bin ich und ich lade dich zur Liebe ein.“
„Oh, ist es schon wieder soweit?“
Wie meint er das denn? „Wir können auch erst essen gehen und dann ein Bad nehmen.“ Ich trete dicht an ihn heran, will ihn zur Begrüßung küssen. Da reißt er mich an sich, drückt mit seinen Händen meinen Po, reibt sich an mir.
„I´ll do my very best.“, und stößt mir seine Zunge in den Mund. Ich will mich von ihm lösen, doch er hält mich mit einer Hand fest umklammert, mit der anderen drückt er meine Brust und fährt mir dann unter den Rock, fühlt und keucht: „Halt still!“
Er kniet sich vor mich, schiebt meinen Rock hoch und findet mit seiner Zunge auf Anhieb meinen empfindlichen Punkt. Sofort ist mein Traum wieder präsent. Ich genieße und stöhne vor Verlangen.
„Falk, ich kann nicht mehr stehen. Gleich falle ich um.“
Er hebt mich hoch, trägt mich zum Sofa und verwöhnt mich weiter. Kurz vor meinem Höhepunkt hört er auf, öffnet seine Hose und vereinigt sich ganz langsam mit mir. Das halte ich nicht länger aus und trommle mit meinen Schuhen auf seinen Po. Tatsächlich treibt ihn mein Tun an. Er wird schneller und schneller. Wir geraten in einen Taumel der Leidenschaft und erreichen nach wenigen Augenblicken gemeinsam den Gipfel der Lust.
„Dieses Mal hat es bestimmt geklappt.“ Ich strahle Falk an. Seine Miene verdüstert sich bei meinen Worten.
„Nimmst du mich eigentlich noch als Mensch wahr oder bin ich nur noch zum Erzeuger degradiert?“
„Aber Falk, so habe ich es doch nicht gemeint!“
„Schon gut. Ich fahre jetzt mal in den Wald und lauf´ noch ´ne Runde. Dann seh´n wir weiter.“
Ich nicke, gehe ins Bad, dusche und beschließe, Thea und David auf ein Glas Sekt einzuladen. David ist allein und auf meine Frage nach Thea schaut er mich merkwürdig an.
„Hast du es denn immer noch nicht gemerkt?“
Da verstehe ich. Thea, die keine Kinder will, trotzdem keine Karrierefrau ist, zu einem Mann immer hoch schaut, sich hilflos zeigt und so das Weibchen mimt.
David tröstet mich. Ich lass´ es geschehen, auch als sein Trost fordernder wird. Vielleicht ist er ja der Sonnengott!
Zurück in unserem Haus öffne ich die Sektflasche, kippe ein Glas hinunter, fülle es erneut, trinke noch einen Schluck. Fange an, zu überlegen, wie mein zukünftiges Leben aussehen wird.
Da kommt Falk zurück, lächelnd und erhitzt. Ergreift das Sektglas, sieht die Biene darin nicht.
„Ein anaphylaktischer Schock.“, stellt der Notarzt fest. „Sie hätten nichts mehr tun können. Mein Beileid.“
*
Inzwischen spielen David, Thea und ich einmal die Woche Skat mit dem Babyfon auf dem Tisch. Aber meistens schlafen meine zweieiigen Zwillinge tief und fest.
Und natürlich hätte ich den Arzt eher rufen können. Damals. An dem Tag, als meine Kinder gezeugt wurden.