Das Bärenmenü
"Wo sind nur wieder meine Manschettenknöpfe?Verständnisvoll lächelnd reichte sie ihm das Gewünschte.
"Und meine Krawattennadel?"
Ignaz Braun war gerade mitten in seinen so genannten besten Jahren, denn er wirkte noch jugendlich, gut aussehend und stattlich, eine imposante Erscheinung.
Einer seiner Freunde, Markus Kilgenstein, der Chef und Koch des Gasthauses "Zum Hirschen" in Sommerkahl hatte das Ehepaar Braun heute zu einem Menu – Surprise mit Gesangseinlagen eingeladen.
Leider machte Frau Braun aber gerade eine besonders eiserne Diät, die sie auf gar keinen Fall unterbrechen wollte, damit sie die kleinen Pölsterchen auf den Hüften loswerden und im Sommerurlaub in Spanien auch bestimmt wieder in ihren Bikini passen würde.
Und da Ignaz schlanke weibliche Formen schätzte, hatte er sie nicht von ihren Vorsätzen abbringen wollen. Er leistete deshalb der Einladung alleine Folge.
Sie half ihm also beim Ankleiden, und, als er fertig war, schaute sie wohlgefällig auf ihr Werk: ein schöner Mann!
Ignaz verabschiedete sich mit einem tiefen, liebevollen Brummen und einem artigen Kuss und zog los.
Bald hatte er die letzten Häuser von Eichenberg hinter sich gelassen und bog nach rechts in einen Weg ein, der am Waldrand entlang nach Sommerkahl führte. Er liebte es, von hier aus dem Sonnenuntergang zuzusehen, weil man dabei einen wunderschönen Blick über den Kahlgrund hatte.
Bald schon führte die Straße leicht abwärts, und er sah die ersten Häuser von Sommerkahl.
Am Gasthaus "Zum Hirschen" fand er ein Schild: "Heute geschlossene Gesellschaft", und er brummte zufrieden, denn dabei fühlte er sich eingeschlossen. Er folgte auch sogleich den Schildern, die ihn in den Biergarten hinter dem Haus wiesen. Dort waren schon einige Leute, standen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich, ein Glas Sekt in der Hand. Ignaz hatte jedoch keine Lust, sich zu all diesen Menschen zu gesellen.
Er stand nicht gerne.
Er saß lieber.
Gemütlich.
Und Diana, die freundliche Bedienung und rechte Hand des Chefs, hatte ihn auch schon erspäht. Da sie ihn und seine Vorlieben gut kannte, führte sie ihn zu einem einzelnen Tisch in einer Ecke unter der Pergola, rückte ihm den Stuhl zurecht und fragte: "Honigschnaps?"
Er nickte dankbar, denn das war sein Lieblingsgetränk: likörähnlich süß und schwer, aber mit 45 % entsprechend alkoholhaltig. Markus’ Vater brannte ihn selbst. Oft trank er mehrere Gläser, als Aperitif, zwischendurch und zur Verdauung, und auch zu Hause hatte er immer eine Flasche davon als Notvorrat.
Diana brachte ihm sein Gläschen mit der goldfarbenen Flüssigkeit, und er schlürfte vorsichtig einen ersten Schluck. Köstlich! Viel besser als Sekt oder gar dieser neumodische Prosecco!
Dann erst sah er sich genauer um. Es waren überwiegend Frauen anwesend, vielleicht ein Gymnastikkurs, und eine größere Gruppe, die wohl einen runden Geburtstag feierte.
Nur wenige Männer. Etwas hell und schrill, der Klang der Gespräche. Und etwas laut, das ansteckende Gelächter. Und vielleicht etwas rustikal, die Kleidung der meisten. Zumindest im Vergleich zu seiner eleganten, dabei gediegenen und gepflegten Garderobe, die seine Ursula vervollkommnet hatte. In stillem Glück dachte er an ihre ruhige, liebevoll ausgleichende Art und bedauerte es, dass sie in diesem Moment nicht bei ihm war.
Da betraten sieben Männer in eleganten Smokings den Hof, stellten sich im Halbkreis auf und einer setzte sich an ein Klavier. Und schon erfüllten die zarten Harmonien der Comedian Harmonists den Biergarten mit "Veronika, der Lenz ist da!"
Gerne lauschte man dieser kleinen Abendserenade, und Ignaz ließ sich von der Musik mitnehmen und nostalgisch wärmen.
Allerdings warf er anschließend bei dem Versuch, Beifall zu klatschen, sein Honigschnapsglas mit seinen etwas ungeschickten, großen Händen um. Zum Glück war nichts mehr drin, denn das hätte er sich bestimmt nie verziehen.
Eine Dame in einem zart gelben Sommerkleid mit feuerroter Löwenmähne, die zu der Gymnastikgruppe am Nebentisch gehörte, hatte sein Missgeschick bemerkt und warf ihm amüsierte, meergrüne Blicke zu, die er jedoch weltmännisch zu ignorieren wusste.
Flink tauschte Diana sein umgefallenes Glas gegen ein volles aus und stellte einen Vorspeisenteller vor ihn hin. "Kleiner Gruß aus der Küche!" meinte sie dabei.
Ignaz betrachtete wohlwollend das Arrangement:
Ein wenig Fischsalat, daneben etwas vitello tonnato, den er besonders schätzte, eine kleine Portion Lachs mit winzigen Reibekuchen, ein Esslöffel Kalbspicatta auf Kräuterrisotto und in der Mitte eine Riesengarnele auf marinierten Zucchini und Auberginen. Liebevoll betrachtete er seinen Teller.
Und, während die Gesangsgruppe "Fermate" "Mein kleiner grüner Kaktus" intonierte, vertilgte er systematisch und im Uhrzeigersinn die Köstlichkeiten und rundete sie mit Honigschnaps ab.
Die rote Löwin von nebenan hatte ihn dabei nicht aus ihren grünen Augen gelassen und, als er jetzt aufsah, begegnete er einem freundlichen Lächeln, das seinen Blick eine Weile festzuhalten suchte.
Ignaz wurde es heiß.
Zumindest ein wenig.
Doch wieder war es Diana, die ihn rettete. Sie trat an seinen Tisch und bat ihn, nun zusammen mit den anderen Gästen in den großen Saal zu kommen, denn dort sei alles für den weiteren Abend vorbereitet und eingedeckt. Sie werde schon einmal vorausgehen. Und damit verschwand sie in Richtung Saal.
Hastig wollte er aufstehen.
Etwas zu hastig.
Vielleicht.
Denn aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte er vergessen, dass sich seine Beine unter dem Tisch befanden, und so hob er ihn beim Aufstehen mit den Oberschenkeln an und warf ihn fast um. Das Honigschnapsglas fiel erneut, Teller und Besteck klirrten. Schnell ließ er sich wieder auf seinen Stuhl fallen.
Die Löwenmähne blickte voller Bewunderung auf seine starken Schenkel.
Ihm jedoch war das Missgeschick peinlich, denn er mochte es gar nicht, wenn alle Leute so wie jetzt zu ihm her sahen, teils überrascht, teils indigniert, teils offen vorwurfsvoll. Am liebsten wäre er einfach verschwunden, aber dazu war er nun mal leider zu groß und zu breit.
Also schob er ganz vorsichtig seinen Tisch ein bisschen von sich weg und erhob sich bedächtig, nach allen Seiten entschuldigend lächelnd, und wollte Diana in den Saal folgen.
Aber da stand plötzlich die rothaarige Schönheit direkt vor ihm, sah ihm tief in die Augen und schnurrte mit rauchiger Stimme: "Kennen wir uns nicht? Sind sie nicht öfter hier?"
Ignaz verschlug es die Sprache.
Er brachte nur ein einigermaßen freundliches Brummen hervor, das so ziemlich alles hätte bedeuten können. Und viel flinker und geschickter, als man es seinem massigen äußeren zugetraut hätte, hatte er sie umrundet und war in der Eingangstür zum Saal verschwunden.
Die Löwenmähne runzelte leicht irritiert die Stirn und sah ihm sinnend nach. Dann zuckte sie lächelnd die Achseln und folgte ihren Freundinnen. Der Abend war ja noch nicht zu Ende.
Drinnen im großes Saal waren die Tische in elegantem Weiß gedeckt und im Halbkreis wie um eine Bühne aufgestellt, auf der offensichtlich die Gesangsdarbietungen stattfinden sollten. Ignaz entdeckte sofort den für ihn gedachten Ecktisch, der ihm einen guten überblick über den gesamten Saal gewährte. Und dort stand auch schon ein frisches Glas Honigschnaps für ihn. Befriedigt ließ er sich mit einem tiefen Seufzer nieder und trank das Glas in einem Zug aus.
Für den Gymnastikkurs war der Tisch rechts neben ihm vorgesehen, und die rote Löwin wusste es so einzurichten, dass sie praktisch auf Tuchfühlung direkt an seiner Seite zu sitzen kommen würde.
Grüne Augen blitzten triumphierend, und im Vorbeigehen streifte ihre Hand leicht, wie unabsichtlich, seine Schulter. Und seine empfindliche Nase empfing eine Ahnung ihres Duftes, der ihn an würziges Gras in der Sonne und weite, heiße Landschaften erinnerte. Ignaz wurde unruhig, ihre Gegenwart erregte ihn.
So rückte er nach links.
Damit er einen besseren Blick haben würde.
Auf die Darbietungen natürlich.
Aber da stellte Diana schon die Vorspeise vor ihn hin, und das lenkte ihn von allen ungehörigen Gedanken gründlich ab.
"Kaninchenfilet im Pumpernickelmantel an Salatspitzen in Honigdressing." Diana sah, wie seine Augen leuchteten und lächelte freundlich. "Noch einen Honigschnaps dazu?"
Dankbar nickte er und vertilgte systematisch alles, was er auf seinem Teller finden konnte.
Dieses Mal von der Mitte nach außen.
Nicht im Uhrzeigersinn.
Da betraten die Herren der Gesangsgruppe den Saal, stellten sich im Halbkreis vor dem Klavier auf, stimmten an und sangen von der Liebe der Matrosen. Ignaz brummte leise mit, weil er dieses Lied schon lange kannte und mochte.
Und beim Beifallklatschen passte er dieses Mal besonders gut auf, und das Honigschnapsglas blieb stehen.
"Denken Sie da auch an ferne Länder und romantische Abenteuer?"
Und dabei legte sich eine zutrauliche Hand auf seinen rechten Arm. Als er sie nun ansah, hielten ihn die meergrünen Augen so fest, dass er sich gezwungen sah, beifällig zu murmeln. Und es wurde ihm ein wenig schwindelig und der Kragen am Hals mit der Krawatte erschien ihm zu eng. Und er bemühte sich heldenhaft, seine Augen nicht allzu tief und auffällig in ihren verführerischen Ausschnitt fallen zu lassen.
Da stimmten die Herren von Fermate den alten Schlager an "Du hast Glück bei den Frau’n, Belami." und Ignaz fühlte sich ein wenig ertappt, vor allem auch deshalb, weil ihm genau in diesem Augenblick ein großer, breit gebauter Mann, der ihm vage bekannt vorkam, von der anderen Seite des Saales aus lächelnd und wissend zunickte.
Also wandte er sich mit einem leichten Bedauern von der attraktiven Löwenmähne ab und machte Diana ein Zeichen, dass er gerne noch einen Honigschnaps hätte.
Zur Beruhigung der Triebe.
Oder als Appetitanreger für Kommendes.
Vielleicht.
Und überhaupt wurde das gefährlich Prickelnde der Situation nun dadurch entschärft, dass der Hauptgang serviert wurde. Und da Ignaz, wie alle Männer, sich immer nur auf eine Sache zur gleichen Zeit konzentrieren konnte, trat das Interesse an seiner Nachbarin, zumindest für den Augenblick, völlig in den Hintergrund, und er sah Diana erwartungsvoll entgegen.
"Lammrücken auf geschmorten Artischocken und Oliven mit Kartoffelmaultaschen und dazu noch einen Honigschnaps. Ist es Recht so?"
Natürlich war es das. Liebevoll sah Ignaz auf das Arrangement, nahm sein Besteck, seufzte tief und lustvoll und schnitt dann das Fleisch mit zärtlichen Bewegungen vorsichtig an.
Zartrosa in der Mitte.
So lag es vor ihm.
Perfekt.
Und er versenkte sich hingebungsvoll in den Genuss dieses leckeren Lammes, und alles andere um ihn herum wurde bedeutungslos. Es gab nur noch ihn. Und das Lamm. Und die Beilagen.
Als er mit geschlossenen Augen und einem wohligen Brummen das letzte und schönste Stückchen rosa Fleisches auf der Zunge zerdrückt hatte, und nun so langsam wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte, bemerkte er, dass sie mit ihrem Stuhl ganz zu ihm herüber gerückt war, mit beiden Händen seine Schulter umfasst hielt und eine weiche Brust sachte seinen Arm berührte.
Und leise schnurrte sie: "Können Sie alles so intensiv genießen wie dieses Essen?"
Aber als er ihr nun fest in die Augen sah, da verschwand das aufreizende Lächeln aus ihrem Gesicht, und Spannung baute sich auf, die ein knisterndes Band zwischen ihnen knüpfte wie ein Versprechen.
Das nach Erfüllung verlangte.
Schon fast schmerzhaft.
Und als Diana nun an den Tisch trat, sein leeres Honigschnapsglas gegen ein volles austauschte und einen Dessertteller vor ihn hinstellte mit den Worten: "Schokoladenauflauf mit Kirschragout, Nougatmousse und hausgemachtem Tiramisúeis", da fühlte er sich nicht gerettet, sondern eher unterbrochen, und sein Blick wanderte unstet zwischen dem vielversprechenden Nachtisch und dem ebensolchen Ausschnitt der roten Löwin hin und her.
Dianas leicht bedauernden, fast etwas mitleidigen Gesichtsausdruck bemerkte er nicht.
Doch noch einmal siegte das Kulinarische.
Allerdings nur knapp.
Mit einem bedauernden Seufzer wandte er sich von seiner attraktiven Nachbarin ab und seinem Teller zu. Sie tat nach ihrer Seite hin das gleiche, zwar etwas zögernd, doch es blieb ihr ja nichts anderes übrig.
Fermate, die Herren für besondere Anlässe, wie sie sich nannten, schufen einen harmonischen Hintergrund mit "Ich küsse Ihre Hand, Madam, und denk es sei Ihr Mund."
Aber, während sie nun von ihrem Nachtisch naschten, ließen sie sich gegenseitig nicht aus den Augen.
Ignaz wollte gerade ein Löffelchen Tiramisúeis zum Munde führen, da sah er, wie sie ihn von der Seite her anlächelte und sich dabei mit ihrer rosa Zungenspitze genießerisch über die Lippen leckte.
Gebannt unterbrach er seine Bewegung, und sie hielt seinen Blick fest, während sie rot leuchtendes Kirschragout zu ihrem Mund führte. Sie kostete mit der Zungenspitze, und dann zitterte ihre Hand etwas, so dass Kirschsaft in ihren Ausschnitt lief.
Ignaz war erregt.
So erregt, dass er gar nicht merkte, wie das braune Eis von seinem Löffelchen auf sein Hemd und seine Krawatte tropfte.
Plötzlich begannen sie beide, wie auf ein geheimes Zeichen hin, schneller zu essen, verschlangen geradezu ihr Dessert, ließen dabei einander aber nicht aus den Augen.
Als der letzte Bissen verschwunden war, stand sie auf und verließ den Saal. Ignaz folgte.
Sie ging zur Hintertür hinaus auf die Straße, drehte sich dort um und erwartete ihn. Er machte einige Schritte auf sie zu, umrundete sie dann, und es schien fast, als würde er vorsichtig schnuppern, als wolle er ihren Duft aufnehmen, bevor er sich endgültig näherte. Dann aber trat er entschlossen auf sie zu, nahm sie in die Arme und drückte sie begehrend an sich. Sie schmiegte sich ihm entgegen, rieb sich wohlig an ihm, fasste ihn sodann an der Hand und zog ihn mit sich, die Straße, den Hang hinauf.
Ein goldfarbener Vollmond wies den Weg und tauchte alles in ein weiches, gelbes Licht.
Die Wiese am Wald war frisch gemäht, und weich und duftend lag das Heu im Mondschein.
Mit einem tiefen Brummen zog er sie an sich, streifte ihr das Kleid von den Schultern und strich zärtlich über ihren Rücken. Es fühlte ich samtig und weich an, wie ein zartes Fell, und ihre rote Mähne hüllte ihn ein.
Sie schnurrte lauter und, als er sie fordernder streichelte, fing sie an zu stöhnen und zu fauchen.
Mit scharfen Krallen fuhr sie ihm über den Rücken, riss ihm Sakko und Hemd vom Leibe, krallte sich in sein zotteliges Fell und drückte ihm ihren Unterleib entgegen.
Ignaz brüllte tief.
Ihr langer Schweif peitschte das Heu.
Und genau in diesem Augenblick höchsten animalischen Begehrens gefror die skurrile, gespenstische Szene im goldenen Licht des Vollmondes.
Ein massiger, brauner Bär und eine schlanke, sandfarbene Löwin standen auf den Hinterbeinen aufgerichtet voreinander und sahen sich entsetzt an.
Und die brennende, lustvolle Begierde, die sie hierher getrieben hatte, erlosch.
Unsägliche Fremdheit entstand.
Eine kalte Distanz.
Unüberbrückbar.
Andersartig.
Lange standen sie so. Dann ließen sie sich beide auf alle Viere fallen, brummten, drehten sich um und machten sich auf den Nachhauseweg. Jeder auf den seinen.
*
Als Ignaz zu Hause das eheliche Schlafzimmer betrat, atmete er erleichtert auf, und Ursula murmelte leise:
"Komm, Ignaz. Zieh Dein Fell aus und komm ins Bett. Ich warte sehnsüchtig auf Dich."