Geisterstunde
Es geschieht nicht oft.Eigentlich eher selten.
Nämlich nur dann, wenn die letzten Gäste im Schlappeseppel, dem ältesten Gasthaus der Stadt, schon deutlich vor Mitternacht nach Hause gehen. So dass man ausnahmsweise etwas früher als sonst zusperren kann.
Und dann fallen sie zusammen: die Sperrstunde und die Geisterstunde, und liegengebliebenen Kleidungsstücke erwachen zu einem kurzen Leben.
Aber wie gesagt, es geschieht nicht oft, eigentlich eher selten, offen gesagt, praktisch nie.
Aber dennoch.
Der dunkle Raum der Gaststätte wirkt dann düster und bedrohlich, und es bräuchte dann auch für einen ansonsten realitätsgläubigen Menschen nicht viel Phantasie, um Bewegungen zu erahnen, Schatten lebendig werden zu lassen. Und dann ertönen auch Stimmen. Zwar meist nur flüsternd und leise zischelnd, aber es gibt sie.
*
"Bist Du neu hier? Na, sonst wärst Du mir doch aufgefallen. Rot. Was für eine völlig unmögliche Farbe! Absolut indiskutabel!"
"Sie haben ja keine Ahnung. Und das ist auch überhaupt kein Wunder. Schließlich gehören Sie offensichtlich einem Mann. Und zwar einem mit schlechten Geschmack, der nicht auf sein äußeres achtet. Sonst wären Sie nicht so abgegriffen. Farbe haben Sie natürlich schon lange nicht mehr. Also, was heutzutage so alles in der öffentlichkeit herumhängt!"
"Oha. Die Gnädigste ist also was Besseres. Von einer feinen Dame oder so. Kann ich ja wohl von Glück sagen, dass Du Dich dazu herablässt, Dich mit einem einfachen aber ehrlichen Hut zu unterhalten, was?"
"Selbstverständlich hätte ich von mir aus mit so einem einfachen Straßenhut nie eine Konversation begonnen. Sie sind deutlich unter meinem Niveau. Normalerweise gehe ich nur in die Oper oder ins Konzert. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich meditiere."
"Eingebildete Ziege!"
Zunächst lastet einige Zeit drückendes Schweigen in der Dunkelheit, dann hört man aus einer Ecke im Hintergrund des Raumes ein leises Räuspern. Eindeutig das einer weiblichen Stimme. Dann ein zartes Schluchzen, unterbrochen von Schniefen. Schließlich ein dünnes Stimmchen:
"Bitte sagen Sie es nur gleich, wenn ich Sie belästige. Ich kann natürlich auch schweigen. Aber es würde mich sehr glücklich machen, wenn Sie mir ein bisschen zuhören würden. Denn ich fühle mich ja so schrecklich einsam. Meine Herrin hat mich einfach links liegengelassen, ohne mich weiter zu beachten. Und meine Schwester, mit der ich seit meiner Geburt zusammen gewesen bin, hat sie mitgenommen und uns damit getrennt. Wo wir doch zusammengehören!"
"Nu reg’ Dich doch nicht gleich so auf, Du Seelchen. Man kommt doch auch ganz gut alleine zurecht im Leben. Da hat man keinen ärger und kann tun, was man möchte."
"Da hat er ausnahmsweise recht, der Prolet. Schon Goethe sagte im Götz von Berlichingen, "Der Starke ist am mächtigsten allein.", und gerade als moderne Frau muss man in der Lage sein, sich um sich selbst zu kümmern und auf eigenen Beinen zu stehen."
Doch da geht das Schluchzen und Schniefen übergangslos in lautes Geheule über.
"Aber so mag mich doch bestimmt keiner! Und auch meine Herrin wird meine Schwester nicht mehr mögen, wenn sie mich nicht wiederfindet. Was will so eine feine Dame denn mit einem einzelnen Handschuh? Nur als Paar sind wir etwas wert. Bei Euch Hüten ist das natürlich etwas anderes. Und deshalb habt Ihr auch kein Verständnis für die Nöte von unsereinem."
Und das Geheule verebbt wieder etwas und wird wieder zu Schluchzen und Schniefen. Dann wieder das leise Stimmchen:
"Was waren wir für ein einmaliges Paar! Von feinstem Leder und handgemacht. Aus Italien. Mailand. Wo es nur die allerelegantesten Ledersachen gibt. Und ich erinnere mich noch gut an den Tag, als diese extravagante Dame erschien, uns zärtlich über ihre schlanken Hände streifte und sagte: "Liebling! Schau! Wie für mich gemacht!" Und da haben wir uns beide, meine Schwester und ich, noch zärtlicher an ihre Hände geschmiegt. Und sie hat uns mitgenommen. Und wir waren glücklich."
"Ja, da kann ich mich auch noch gut daran erinnern, was das für ein wunderschönes Gefühl war, als mich diese elegante Dame aufprobiert hat. Ich hatte sie ja schon einige Zeit von meinem Hutständer aus beobachtet. Wie sie eine von uns nach der anderen aufgesetzt und immer wieder verzweifelt den Kopf geschüttelt hat, weil das Schwarz nicht das richtige war. Zu dunkel, zu hell, zu viel Blaustich. Und dann hat der vornehme Herr, der sie begleitet hat, wohl eigentlich aus Spaß, Langeweile oder Verzweiflung gemeint, sie solle es doch mit einer völlig anderen Farbe versuchen. Zuerst hat sie nur entsetzt geschaut und verächtlich den Kopf geschüttelt. Aber dann ist ihr Blick auf mich gefallen. Mir ist richtig eine Gänsehaut über meine Krempe gelaufen, als sie mich so sinnend betrachtet hat. Und dann ist ein Lächeln auf ihrem Gesicht erschienen, und sie hat gemurmelt: "Aber natürlich. Der Kontrast wird es machen. Das traut sich sonst niemand. Und ich kann mir das leisten."
Und unser Auftritt in der Alten Oper in Frankfurt war ein grandioser Erfolg. Es gab Humperdincks "Hänsel und Gretel", und sie hat sich bei allen Leuten mit "Gestatten: Rotkäppchen. Bin ich hier nicht im falschen Märchen?" vorgestellt, und die Leute haben gelacht ohne Ende.
Leider war das aber mein einziger großer Auftritt. Ich weiß nicht warum, aber sie hat unseren großen Erfolg einfach nicht wiederholen wollen. Und so bin ich lange Jahre einfach nur im Schrank gelegen. Und als sie mich nach langer Zeit endlich wieder einmal hervorgeholt hat, wirkte sie bei weitem nicht mehr so elegant. Und wir sind auch nicht ins Theater gegangen, sondern hier in dieses Gasthaus. Und die Leute haben uns auch nicht mehr so bewundert wie damals. Und einen Begleiter wie den eleganten Herren von damals hatte sie auch nicht. Und die Leute hier im Lokal am Stammtisch haben nur grölend gelacht, als sie sich als "Rotkäppchen" vorgestellt hat. Einer hat sie ganz ordinär in den Arm genommen und gemeint, das sei Spitze, denn er sei schon immer ein großer, böser Wolf gewesen und hätte sie deshalb zum Fressen gerne. Und ich hing die ganze Zeit nur hilflos hier auf diesem unangenehmen Haken und konnte ihr nicht helfen."
"Heh, Schätzchen! Muss Dir mal Dein Gesülze abschneiden. War das so’n Typ in Jeans und blauem Pulli, der Dich angebaggert hat? Nicht mehr so arg viele Haare auf der Platte?"
"Richtig. Kennen Sie ihn vielleicht? Würde Ihnen ja ähnlich sehen. Proletarierhüte gehören auf Proletarierköpfe, oder?"
"Genau, Baby. War mein Boss. Und Deine feine Dame hat sich erst geziert und rumgezickt, von wegen sie sei etwas Besseres und so. Aber dann hat sie dem animalischen Charme meines Herren nichts entgegenzusetzen gehabt und ist mit ihm dermaßen schnell verduftet, dass sie sogar Dich rotes Schätzchen vergessen hat. Ihr Weiber seid doch alle gleich. Tut so, als wärt Ihr angetan von verständnisvollen männlichen Weicheiern, aber rumkriegen lasst Ihr Euch von den bösen Buben."
"Gegen diese Aussagen muss ich mich ganz entschieden verwehren. Und überhaupt, was schauen Sie mich denn so an? Lassen Sie mich doch gefälligst in Ruhe, ich habe Sie nicht um ein Gespräch gebeten."
"Ach, nun seid doch nicht so eklig zueinander! Seid doch froh, dass Ihr Euch hier getroffen habt. Man muss doch dankbar sein, wenn man auf seinesgleichen stößt. Ich dagegen bin so absolut einsam, wie eine verlassene Lederhandschuhdame nur sein kann. Würde mich auch gerne mit einem anderen Handschuh unterhalten, vielleicht sogar mit einem linken, und davon träumen, eines Tages mit ihm ein Paar zu werden."
"Dieser Prolet und meinesgleichen? Dass ich nicht lache! Der kann froh und dankbar sein, dass ich ihm überhaupt die Ehre angedeihen lasse, mich mit ihm zu unterhalten. Und das wird auch bestimmt eine Ausnahme bleiben, denn sicher holt mich meine Herrin morgen früh ab. Bin davon überzeugt, dass sie die ganze Nacht nichts anderes tut, als nur an mich zu denken."
"Woran die denkt, das kann ich Dir schon sagen, Puppe. Der meinige weiß schon, wie man mit solchen feinen Damen umgehen muss."
"Na, zumindest wissen Sie nicht, wie Sie mit mir umzugehen haben. Sonst würden sie nicht so mit mir reden, einer Damen macht man Komplimente."
"Na gut. Hm. Also, ich habe schon ein schlimmeres Rot gesehen. äh, und für ins Theater mag das ja passen, da habe ich keine Ahnung davon. Gehe ich nicht hin. Höchstens mal ins Kino oder zu einem Rockkonzert. Können wir ja mal miteinander gehen, oder? Erst ins Kino und dann ins Konzert. So hat jeder, was er braucht. Na, wie wär’s?"
"Aber wir kennen uns doch kaum. Kann doch nicht so einfach mit einem fremden Hut, von dem ich kaum etwas weiß ..."
"Weiter so, Ihr beiden! Wie schön! Das ist ja richtig romantisch. Wollt Ihr Euch nicht nebeneinander hängen oder zu mir auf den Tisch kommen. Hier ist genug Platz, ich stör Euch schon nicht! Nu mach schon, Du rote Schönheit! Der Haken neben ihm ist doch noch frei."
"Aber nur zum Ausprobieren und weil man von dort drüben aus einen besseren überblick hat. Und dass Sie sich ja keine Freiheiten herausnehmen. Ich vertraue darauf, dass Sie ein Gentleman sind."
"Na gut, Baby. Aber unsere Stunde ist gleich vorbei, deshalb sollten wir uns beeilen, sonst kann es sein, dass es lange dauern wird, bis die Chance wiederkommt. Also zier Dich hinterher, ja?"
"Aber ich kann doch nicht ... Um Himmels willen, was tun Sie da? Nein, bitte nicht! Sie verbiegen ja meine Krempe! Lassen Sie mein Hutband! Sie werden doch nicht ... Lieber Gott, wie stark Sie sind!"
"Sage ich doch. Die Liebe zwischen zwei gleichgesinnten Hüten ist schon etwas Himmlisches! Nur ich muss mal wieder zuschauen."
*
Fahles Morgenlicht fällt in den Gastraum. Kalter Rauch steht wie eine Mauer. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, und die Tür geht auf. Ein kalter Schwall Morgenluft strömt herein.
Die Putzfrau sieht sich um und seufzt. Muss ja mal wieder ganz schön zugegangen sein, gestern nacht. Ein Handschuh liegt auf dem großen Tisch neben dem Eingang. Daneben zwei Hüte, ein unansehnlicher, abgetragener schwarzer Herrenhut und ein elegantes Damenkäppchen. Seltsamer Weise übereinander und wie ineinander verstrickt.
Die Putzfrau nimmt das rote Hütchen in die Hand und überlegt ein wenig. Ja, das könnte gehen. Zu dem gelben Kleid mit den Blümchen könnte der ganz gut aussehen.
Der alte Herrenhut fliegt in den Abfall, für ihn hat sie keine Verwendung. Und was soll sie mit einem einzelnen Handschuh?