Sonnenfinsternis

"Herrgott, trödel doch nicht so! Bei Deinem Fahrstil kann man ja einschlafen. So kommen wir nie rechtzeitig hin." Aus den Augenwinkeln sehe ich ihre hektischen Bewegungen, wie sie unruhig auf dem Sitz herumrutscht und mit den Füßen tritt, besonders mit dem rechten, als wolle sie selbst Gas geben. Gereizt zieht sie an ihrer Zigarette und drückt sie dann nervös im Aschenbecher aus.

"Da vorne ist endlich die richtige Autobahnausfahrt. Mußbach, Deidesheim, Bad Dürkheim. Du mit Deiner Richtgeschwindigkeit! Möchte bloß mal wissen, wieso Du einen Wagen brauchst, der über 200 fährt."

Ich lasse das Auto ausrollen, folge der Biegung und halte an der Einmündung zur Bundesstraße mit sanfter Verzögerung. Es macht mir Freude, wenn ich energiesparend und ruhig fahren kann, nicht mehr als nötig beschleunige oder bremse. Sie versteht das eben leider nicht.

"Fahr doch endlich weiter! Da kommt schon keiner. Die sind inzwischen alle an den richtigen Stellen zum Schauen."

Ich vergewissere mich noch einmal, dass kein anderes Auto kommt, dann ziehe ich den Wagen in einem eleganten Bogen hinaus auf die Bundesstraße und erfreue mich am gleichmäßigen, völlig ruckfreien Beschleunigen.

Automatikgetriebe.

Sanft summt der Sechszylinder.

"Nun mach schon, Du Schnecke! Der Mond wird sich nicht ausgerechnet wegen Dir langsamer vor die Sonne schieben. Es sind noch ein paar Kilometer."

Ich bin gerne hier in der Gegend.

Weinberge, kleine Dörfer.

Gemächlich lasse ich den Blick über die Rebstöcke am Wegesrand schweifen. Die Sonne ist als helle Scheibe hinter den Wolken deutlich zu sehen. Noch kein Mondschatten berührt sie. Es ist auch noch genug Zeit.

"Hoffentlich ist die blöde Ampel in Mußbach nicht wieder so lange rot. Warum fährst Du nicht gleich den Wirtschaftsweg als Abkürzung? Polizei steht da doch jetzt bestimmt nicht rum!"

Ich mag Mußbach, versuche auch jedes Jahr zum bekannten Eselshautfest hier zu sein. An der Hauptkreuzung vor uns treffen fünf Straßen zusammen, und an allen liegen Weingüter, einschließlich des Meckenheimer Winzervereins, der also überraschender Weise gar nicht in Meckenheim ist. Ich bewundere die hohen alten Hofeinfahrten und denke an das Elternhaus meines Vaters in Ruppertsberg, das auch so einen Torbogen besaß.

Dunkelbraun.

"Nun fahr schon los, es ist doch längst grün! Musst Du denn immer beim Autofahren träumen? Nun mach schon!"

Ich zögere etwas, doch dann ziehe ich den Wagen in einem eleganten Bogen um die Kurve nach rechts auf die Weinstraße und erfreue mich ein weiteres Mal am gleichmäßigen, völlig ruckfreien Beschleunigen.

Automatikgetriebe.

Sanft summt der Sechszylinder.

"Da vorne sieht man den Pfalzblick schon. Hoffentlich sind nicht zu viele Leute da, sonst bekommen wir keinen guten Platz mehr, weil wir mal wieder viel zu spät dran sind. Nur wegen Dir!"

Die Weinberge neben der Straße fallen leicht zum Rhein hin ab, den man allerdings von hier aus nicht sehen kann, links steigt das Haardtgebirge auf.

Kiefern, Kastanien.

Und manchmal ein roter Sandsteinbruch.

Der das Grün unterbricht.

"Pass auf! Da vorne musst Du links abbiegen. Nein, vor der Kreuzung! In den Feldweg hinein und dann zum Wald hoch. So fahr doch schneller!"

Diesen Weg, der zu der Zeit sicher nur ein Fußweg war, ist mein Vater als junger Mann von Ruppertsberg aus wohl so manches Mal hochgelaufen, um sich mit meiner Mutter zu treffen, die in dem Nachbarort Königsbach wohnte, das etwas weiter links am Waldrand liegt.

Damals.

Als sie sich kennenlernten.

Sanft ziehen die Wolken vor der halbverdeckten Sonne vorbei, die deutlich als Scheibe zu sehen ist. Der Mondschatten berührt sie noch immer nicht.

"Nun schau aber, dass Du einen Parkplatz findest! Möglichst ganz oben, damit wir nicht so weit laufen müssen. Geht denn das nicht schneller! Mit deinen Einparkkünsten wärst Du bei der Fahrprüfung aber glatt durchgefallen!"

Ich steige aus und strecke die etwas steif gewordenen Glieder. Es sind einige Leute hier, aber bei weitem nicht so viele wie befürchtet, zudem verteilen sie sie nach links und rechts am Waldrand. Wir gehen ein wenig nach vorne zum Abhang an eine kleine Mauer, auf die man sich lehnen kann. Sie sucht sich eine Lücke zwischen den Menschen, in die sich sich drängt, und ich stelle mich hinter sie.

Mein Blick schweift nach oben.

Zur Sonne.

"Wo hast Du denn wieder die Spezialbrillen gelassen, die ich extra noch besorgt habe? Im Auto? Ja, dann hol sie! Aber schnell! Will mir doch nicht wegen Deiner Vergesslichkeit die Augen verderben!"

Ich gehe wieder zum Wagen und hole die Brillen, obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, dass man sie brauchen wird, denn der Himmel ist gerade so mit feinen Wolken bedeckt, dass man mit bloßem Auge ohne weiteres in die Sonne sehen kann. Als ich wieder nach oben sehe, erkenne ich, dass der Mondschatten begonnen hat, sich langsam von links unten aus über die Sonne zu schieben. Ich reiche ihr ihre Brille.

"Da hast Du doch wieder mit den Fingern draufgelangt! Man sieht ja gar nichts. Kannst Du nicht aufpassen! Jetzt muss ich sie zuerst auch noch putzen!"

Unendlich langsam, fast zärtlich frisst der Mond die Sonne. Wolken hetzen vorbei. Das schwarze Halbrund am Himmel wird größer.

Hälse recken sich.

Starren wie gebannt nach oben.

"Halt doch mal meine Jacke! Und den Schal. Aber lass ihn ja nicht auf den Boden fallen! Das ist reine Seide! Nun stell Dich nicht so an und nimm schon!"

Nun ist die Schwärze am Himmel schon fast rund. Die Landschaft verdüstert sich, Vogelstimmen ersterben. Aus Südosten über die Rheinebene nähert sich beängstigend schnell der Kernschatten und löscht das Tageslicht mit schwarzer Watte.

Die Stille nimmt jeder Kreatur den Atem.

"Warum gibst Du mir nicht meinen Schal? Siehst Du nicht, dass mir kalt ist? Wenn Du Dich nur ein einziges Mal so um mich kümmern würdest, wie ich es verdiene!"

Wie von selbst legt sich der Seidenschal von hinten um ihren Hals, die Enden in meinen Händen überkreuzen sich und ziehen sich langsam aber unnachgiebig fest. Ihr Körper lehnt sich gegen mich und nur ein ganz leichtes Zucken durchläuft sie. Ihre Spezialbrille fällt zu Boden. Ich sehe von der Seite in ihr Gesicht, das direkt nach oben, zur Sonne hin gerichtet ist. Und ihre aufgerissenen Augen blicken ungeschützt in die blendende Korona, die in diesem Augenblick aufflammt.

Dann bricht ihr Blick.

Und sanft lasse ich sie zu Boden gleiten.

Und lehne sie mit dem Rücken an die Mauer.

Ganz fürsorglich.

Wie sie es verdient.

Gemächlich schlendere ich zum Wagen. Die vielen Menschen schauen noch immer wie gebannt nach oben und bemerken nicht, dass ich wegfahre.

Und am Ende des Feldweges biege ich in einem elegantem Bogen nach rechts in die Weinstraße ein und fahre in Richtung Mußbach, denn vielleicht bekomme ich dort einen Schoppen Eselshaut.

Und wieder erfreue ich mich am gleichmäßigen, völlig ruckfreien Beschleunigen.

Automatikgetriebe.

Sanft summt der Sechszylinder.