Suizidgefährdet

Patrizia. Ein völlig unmöglicher Name. Für einen Hund. Einen Yorkshire. So einen für die kleine Abendhandtasche.
Mit Schleifchen auf dem Kopf. Rosa. Und außerdem zeigte er meiner Meinung nach von Anfang an eine
deutliche Neigung zum Suizid.
Meiner Meinung nach.

Zumindest.

Vor vielen Jahren hatte ich sie geheiratet. Und ich muss sie wohl geliebt haben. Damals.

Wenn ich alte Fotos anschaue, verstehe ich auch weshalb. Sie war eine Schönheit. Damals.

Lange, braune, gewellte Haare, ein fein geschnittenes Gesicht, tiefbraune Augen, ein voller Mund und eine tolle Figur, groß und schlank, aber ein kleines bisschen zur üppigkeit neigend, gerade so, dass es eine laszive, etwas träge erotische Spannung ausstrahlte. Damals.

Wer hätte schon ahnen können, dass mit den Jahren nur noch die Trägheit übrig bleiben würde. Und dass ihr Geschmack, den ich anfangs exzentrisch und erheiternd fand, sich so völlig verrennen würde.

Rosa. Bonbonpapierfarbenes Rosa. Nichts anderes trug sie mehr. Schon seit Jahren. Und, da ihr Umfang sich inzwischen wohl knapp verdreifacht hatte, handelte es sich um gigantische Mengen von Rosa. Einen Raum von Normalgröße füllte sie damit völlig aus.

Spielend.

Und sie achtete auf die Details. Ein rosa Kleid oder eine rosa Hose mit rosa Pullover genügte da beileibe nicht. Haartönung und Make-up waren in Rosa gehalten, Finger- und Fußnägel rosa lackiert. Und obwohl es nicht einfach war, rosafarbene Unterwäsche und Strümpfe in ihrer Größe zu bekommen, machte sie auch hier keinerlei Kompromisse.

Und dieser rosafarbenen Flut, dieser rosa Lawine, die mich täglich zu zerschmettern drohte, stand ich hilflos gegenüber. An Gegenmaßnahmen war nicht zu denken, dazu war ich viel zu schmächtig. So duldete ich und versuchte zu überleben.

Und dann kam Patrizia.

Eines Tages, als sie vom Einkaufen zurückkam, wallte die rosa Lawine, verbreitert durch eine Vielzahl rosafarbener Einkaufstaschen, freudig strahlend auf mich zu und intonierte:

"Patriiiiiiizia! Schau, das ist Dein Herrchen."

Und ihre fleischige Hand hielt mir ein beige-braunes Fellbündel mit rosafarbener Schleife auf dem Kopf entgegen, das mich wild und schrill ankläffte.

Nun bin ich eigentlich ein gemütlicher Mensch und liebe meine Ruhe. Hektik und nervöses Getue sind mir ein Greuel. Und nun bohrte sich schon die Art, wie sie das "i" in "Patriiiiiiizia" laut betonte und in die Länge zog, mit bestialischer Gewalt in meine Ohren. Und in den folgenden Wochen und Monaten bohrte es zigmal täglich, denn ständig fand sie Grund, ihren Liebling zu rufen oder zu suchen.

Und dessen schrilles und hektische Gekläffe gab mir den Rest.

Oh, hätte sich doch einAbgrund aufgetan, der mich verschlingen wollte! Freudig wäre ich hinein gesprungen.

Doch so duldete ich.

Und versuchte zu überleben.

Doch irgendwo, tief in uns allen, schläft eine Bestie, die aus uns hervorbricht, wenn Leib und Leben ernsthaft bedroht sind. Ich verstand es zwar im allgemeinen wohl, diese Bestie zu zügeln und sie nicht unkontrolliert von der Leine zu lassen, doch sie war erwacht. Und damit bestimmte sie fortan manchmal mein Handeln.

Im Zuge der um sich greifenden Rosamanie war vor einigen Jahren auch unser schönes, schwarzweiß gehaltenes Marmorbad einem entsprechenden Umbau zum Opfer gefallen. Zartrosa Fließen bedeckten nun die Wände, Wanne, Dusche, Waschbecken, Toilette und extra breites Bidet waren in einem kräftigen Pink gewählt worden. Die Badewanne, auch pink, war in den Boden eingelassen.

worden, damit man, beziehungsweise sie diese leichter besteigen konnnte. Der Rand befand sich deshalb nur etwa zehn Zentimeter über Bodenniveau. In diesem ovalen, ihren Körperformen damit gut angepassten Pool mit Sprudeleinrichtung pflegte sie Stunden zu verbringen, genoss offensichtlich die Schwerelosigkeit des sanften Treibens im warmen Wasser.

Eines Nachmittags hatte sie sich wieder einmal ein Bad bereitet, natürlich mit Unmengen rosafarbenen Badeschaums. Und als ich den rosa Salon betrat, einem rein körperlichen Bedürfnis folgend, da stand Patrizia auf dem Rand der Wanne und kläffte mich schrill und hysterisch voll, offensichtlich in dem Bestreben, die Wanne ihres Frauchens zu verteidigen.

Ich gestehe, dass mich ein glücklicher Schauder durchrann, als ich ihr lässig einen leichten Tritt versetzte, so dass sie in die Wanne flog und in dem rosafarbenen Schaum versank, der ihren letzten Kläffer dämpfte. Blitzschnell verließ ich das Bad, sauste geräuschlos in mein Arbeitszimmer und machte mir an meinem Schreibtisch zu schaffen, Unschuld heuchelnd.

Doch sie muss wohl etwas gehört oder geahnt haben, oder es war vielleicht auch schlichtweg Zufall. Jedenfalls kam sie so rechtzeitig ins Bad, dass sie die wild strampelnde und japsende Patrizia klatschnass aus dem Wasser ziehen konnte und dabei in den höchsten Tönen kreischte:

"Oh Gottogottogott, Patriiiiiiizia!"

Dann wallte eine rosa Woge in mein Arbeitszimmer, brach sich an meinem Schreibtisch und stellte mit vorwurfsvolll rollenden Augen ein tropfendes Gerippe mit streichholzdünnen Beinchen vor mich hin. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass das Ding derart mager sein könnte. Traurig hing ihr das rosa Schleifchen ins Gesicht und sie hustete und nieste ununterbrochen.

So heuchelte ich Mitgefühl, brachte aber zum Ausdruck, dass ich es nicht wagte, die süße Kleine abzutrocknen, aus Angst, ihr alle Knochen im Leib zu zerbrechen. Und dann fügte ich hinzu:

"Wie ist sie nur in die Wanne geraten? Sie muss gesprungen sein. Du musst besser auf sie achtgeben. Vielleicht hat sie eine Neigung zum Suizid!"

Entsetzt sah mich meine rosa Wolke an, griff sich ans Herz und japste:

"Du liiiiiiieber Himmel, Patriiiiiiizia! Wo mir doch der Arzt jegliche Aufregung verboten hat, wegen meines schwachen Herzens. Jederzeit könne mich ein Infarkt töten!"

Also heuchelte ich auch für sie Mitgefühl und regte an, ob es nicht vielleicht für ihre Gesundheit besser wäre, Patrizian weg zu geben, doch davon wollte sie nichts hören, die Kleine sei doch ihr Sonnenschein.

Und behutsam nahm sie das zitternde kleine Gerippe in beide Hände und eilte damit ins Bad, um sie trocken zu föhnen.

Mit ihrem rosa Lieblingsföhn.

Natürlich.

Einige Tage später trat ich in die Küche, und es war nicht einfach, an ihr vorbei zu kommen, denn sie trug ihren flauschigen, rosa Bademantel, der ziemlich aufträgt. Patrizia stand, rosa beschleift wie immer, auf der Anrichte und sah ihr zu, wie sie ein Dutzend Hamburger auf einen Teller legte, um sie in die Mikrowelle zu geben.

"Nein, Patriiiiiiizia. Erst heiß machen. Dann bekommst Du auch etwas, damit Du auch so groß und stark wirst wie Frauchen."

Und sie öffnete die Tür der Mikrowelle, stellte den Teller hinein – und da klingelte das Telefon. Und weil sie fast genau so gerne telefoniert wie sie isst, schwebte die rosa Flauschfeder sofort davon. Sofort stellte sich das langhaarige Hundegerippe vor die offene Tür der Mikrowelle und kläffte mich voll, schrill wie immer. Dabei mag ich gar keine Hamburger. Weiß der Himmel, was da alles drin ist!

Und da erwachte die Bestie in mir zum zweiten Mal. Mit dem Zeigefinger schnippte ich ihr so fest auf die vorlaute Schnauze, dass sie erschrak und rückwärts in die Mikrowelle zu den Hamburgern torkelte. Und blitzschnell schloss ich die Tür und sauste wieder

geräuschlos in mein Arbeitszimmer, versteckte mich hinter meinem Schreibtisch und heuchelte Unschuld.

Patrizia muss so erschrocken sein, dass sie zu kläffen vergaß, und ich vernahm, wie die rosa Sonne meines Herzens etwas von "falsch verbunden" murmelte und wieder in die Küche ging. Kurz war es still, und dann hörte ich, wie sie die Mikrowelle einschaltete. Und schon zerschnitt ein langgezogener, herzzerreißender Schrei meine Nerven, gefolgt von einem dumpfen Plumpsen.

Dann war es still, für einige Sekunden.

Vorsichtig schlich ich mich hinter meinem Schreibtsich hervor und in die Küche. Und an der Türe schon hörte ich Patrizia winseln und kratzen. Sie also, zumindest, lebte noch.

Und, unglücklicherweise, auch dieser rosa Wackelpudding, der zitternd und wabbelnd mit sprachlos aufgerissenem Mund auf dem Küchenfußboden saß, beide Hände auf der Herzgegend verkrampft.

"Mein Gott, Liebling! Was machst Du auch nur für Sachen! Denk doch an Dein schwaches Herz! Hamburger wolltest Du doch heiß machen – und nicht die arme, kleine Patrizia. Die verträgt das doch sicherlich nicht."

Ihre Lippen bewegten sich stammelnd, aber es dauerte eine ganze Weile, bis ich verstand, was sie wollte.

"Herzmittel! Badschrank!"

Und fürsorglich lief ich schnell und holte ihr, was sie verlangte, reichte ihr ein Glas Wasser dazu und half ihr, etwas aufrechter zu sitzen, damit sie die Pillen auch gut schlucken konnte.

Und dann sah ich ihr tief in die einst schönen Augen und sprach eindringlich:

"Ich habe es Dir doch gesagt. Dieses Hündchen hat offensichtlich eine Neigung zum Suizid. Besser, wir geben sie weg."

Aber wieder schüttelte sie nur stumm und energisch den Kopf, befreite die immer noch winselnde Patrizia aus der Mikrowelle und drückte sie an ihr gigantisches, rosafarbenes Herz.

Doch es bleibt ja bekanntlich kaum eine Missetat ungesühnt und, als ich einige Tage später mein Arbeitszimmer betreten wollte, sauste

Patrizia gerade noch heraus, an mir vorbei, und ich erkannte zu meinem Entsetzen ein Stück einer Briefmarke in ihrem Mundwinkel. Böses ahnend stürmte ich zu meinen Briefmarkenalben, die ich dummerweise im untersten Regal aufbewahrt hatte. Und da sah ich auch schon die Bescherung! Ausgerechnet über das kleine Album mit den seltenen postfrischen Spanienmarken war sie hergefallen und hatte alles fein säuberlich zerschnipselt.

Was für ein Verlust!

Doch da erwachte die Bestie in mir zum dritten Mal, und ich wusste, dass das kleine Miststück dafür mit seinem Leben bezahlen musste. Und, wenn sich dabei, so ganz en passant, mein rosa Alptraum darüber derart erregen würde, ... Und so begann ich, überlegt und vorausschauend zu planen.

Zunächst besorgte ich Rattengift.

Mit Vollmilchschokolade überzogen.

Natürlich.

Dann eröffnete ich meiner rosa Traumfrau, daß ich ihr zur Feier unseres morgigen zwanzigjährigen Hochzeitstages ein "Menu Surprise" zubereiten wollte.

Und davon war sie begeistert.

Natürlich.

Nach einem überdimensionalen Strauß rosa Nelken zum Frühstück eilte ich zum Einkaufen, denn alle Zutaten sollten selbstverständlich absolut frisch sein.

Den Nachmittag verbrachte ich in der Küche mit dem Zubereiten diverser "Amuse Gueules", und am frühen Abend war alles bereit. Es fehlte lediglich noch der Hauptgang.

Und, wie erwartet, bat mich die rosafarbene Liebe meines Lebens, kurz auf die ihrerseits geliebte Patrizia acht zu geben, weil sie sich umziehen und frisch machen wollte. Damit sie sich gut benehme, dürfe sie auch in der Küche schon vorher etwas naschen.

Was ich gerne wörtlich nahm.

Und die herzige Patrizia liebevoll mit kleinen Kügelchen aus Vollmilchschokolade fütterte.

Na gut.

Es war nicht nur Schokolade.

Innen drin war Rattengift.

Wie gierig sie schluckte und schleckte! Und die Bestie in mir beobachtete interessiert, wie sie auf der Anrichte stand und immer noch mehr wollte. Ihr rosa Schleifchen zitterte vor Aufregung. Und dann zitterte es stärker und stärker, und ihre erbärmlich dünnen Streichholzbeinchen zitterten mit, und ein fast überraschtes, leises Kläffen entrang sich ihrem Mäulchen wie ein letzter Seufzer, und dann fiel sie auf die Seite, zuckte noch ein paarmal mit allen Vieren, spastisch, verzweifelt. Ein letztes Hecheln. Dann rührte sie sich nicht mehr, und langsam wurden ihre Augen glasig.

So war es vollbracht.

Und ganz sanft und vorsichtig hob ich sie auf und legte sie auf ein Silbertablett mit einem vorbereiteten Gemüsebett aus Mörchen und Prinzessböhnchen, setzte ihr ein Partytomätchen ins Mäulchen und steckte ihr ein Sträußchen Petersilie ins öhrchen. Und dann, nicht ohne kurz ihrer armen Seele zu gedenken, deckte ich sie mit einer großen, glänzenden Silberhaube zu.

Der Hauptgang war zubereitet.

Zur vollsten Zufriedenheit.

Zu meiner zumindest.

Und so begab ich mich ins Esszimmer, um meinen rosa Liebling zu empfangen. Dann trat sie auf. Ein hautenges, langes Kleid mit Pailletten besetzt, mit einem atemberaubenden Ausschnitt und einem Schlitz bis hinauf zur Hüfte. Gigantisch. Aber leider auch in gigantischer Größe und selbstverständlich rosa.

Doch dessen ungeachtet rückte ich ihr als perfekter Gentleman und Gastgeber den (überbreiten) Stuhl zurecht und fragte nach, ob sie auch bequem säße. Sie dankte mir mit einem verführerischen Lächeln, das mir unter anderen Umständen Angst eingejagt hätte. Ich servierte den Wein – natürlich einen portugiesischen Rosé – und als erste Vorspeise zart rosafarbene Flusskrebsschwänze in ebenso getönter Champagnersauce.

Und sie war doch tatsächlich so begeistert, dass sie ihr braun-beiges Hundegrippe gar nicht vermisste.

Nach der Entenbrust – selbstverständlich rosa gebraten – kündigte ich endlich den Hauptgang an: Spanferkel auf Yorkshire Pudding, absolut knackfrisch zubereitet.

Und als ich mit dem Silbertablett und der Silberhaube darauf den Raum betrat, reckte sie neugierig den Hals, und ihre rosa Zungenspitze strich sich voller Vorfreude genießerisch über die Lippen.

Feierlich stellte ich das Tablett genau vor ihr auf den Tisch, sprach noch ein passendes "Violà!" und hob wie ein Magier den Deckel hoch.

Und der rosa Pudding gefror.

Zum blanken Eis des Entsetzens.

Nichts regte sich mehr an ihr, nur ihr Gesicht lief beängstigend langsam dunkelrot an, die Augen starr, aufgerissen. Dann öffnete sich ihr Mund weit, und ein lautloses Aufstöhnen entfloh aus ihr wie ein letzter Hauch.

Und sanft, wie in Zeitlupe, sank sie vornüber, fiel mit dem Kopf auf den Tisch, und ihr Mund biss sozusagen ohne es zu wollen in den noch warmen Körper ihres Lieblings. Ihre einst schönen Haare bedeckten das Gemüse.

Und wie zum Abschied flüsterte ich ihr leise zu:

"Ich habe es Dir doch gesagt. Dieses Hündchen hat ganz entschieden eine Neigung zum Suizid."